Muskelzellen können eine Struktur antreiben
In einer Studie von 2014 kombinierten Cvetkovic und Kollegen einen weichen, gedruckten Rahmen mit einem Streifen aus Skelettmuskelgewebe. Elektrische Impulse lösten Kontraktionen aus. Weil die Struktur asymmetrisch war, führte die Verkürzung zu gerichteter Bewegung.
In einer Studie von 2016 aus demselben Forschungsumfeld entwickelten Raman und Kollegen lichtempfindliche Muskelkonstrukte. Hier lösten blaue Lichtimpulse die Kontraktion aus. Der Wechsel betrifft die Art der Ansteuerung: Aus dem Muskelstreifen wurde dadurch kein selbstständig entscheidendes Tier.
Originalquellen: Cvetkovic et al. 2014, Raman et al. 2016
Wie weit der Befund trägt: Die Systeme benötigen Versorgung und kontrollierte Bedingungen. Zwei Arbeiten aus demselben Forschungsumfeld sind keine zwei unabhängigen Replikationen.
Die Anordnung der Zellen macht einen Unterschied
Bei den Xenobots von Kriegman und Kollegen wurden zunächst mögliche Körperformen am Computer untersucht. Anschließend setzten die Forschenden ausgewählte Strukturen aus embryonalen Froschzellen zusammen. Im beschriebenen Aufbau konnten Haut- und Herzmuskelzellen gemeinsam einen beweglichen Verband bilden.
Der interessante Punkt ist die Verbindung von Material und Form. Zellen liefern bestimmte Eigenschaften; ihre räumliche Anordnung beeinflusst, welche Bewegung daraus entsteht. Computersimulation und gebautes Experiment bleiben dabei zwei unterschiedliche Schritte.
Originalquellen: Kriegman et al. 2020
Wie weit der Befund trägt: Das Experiment zeigt ein hergestelltes lebendes System im Labor. Es belegt weder eine frei wählbare Fähigkeit aller Zellen noch einen einsatzbereiten medizinischen Roboter.
Menschliche Zellen können bewegliche Verbände bilden
Gumuskaya und Kollegen kultivierten menschliche Atemwegszellen zu kleinen Verbänden, deren Flimmerhärchen Bewegung ermöglichten. Die Selbstorganisation geschah unter gezielt hergestellten Kulturbedingungen; die Forschenden bestimmten unter anderem die Umgebung und die Vorbereitung der Zellen.
In einem weiteren Versuch wurden mehrere Verbände über einer Lücke in einer Nervenzellkultur platziert. Die Arbeit berichtet unter bestimmten Bedingungen eine Überbrückung dieser Lücke. Eine Zellkultur mit einem künstlichen Spalt ist jedoch eine andere Situation als eine Verletzung eines Menschen.
Originalquellen: Gumuskaya et al. 2023/24
Wie weit der Befund trägt: Die Arbeit zeigt einen Laborbefund. Wir leiten daraus keine nachgewiesene Wundheilung oder Behandlung beim Menschen ab. Xenobot- und Anthrobot-Arbeiten teilen zudem einen Teil ihres Forschungsumfelds.
Wie Nervenzellen an Pong gekoppelt wurden
Im DishBrain-Versuch von Kagan und Kollegen befanden sich Nervenzellen auf einer Anordnung von Elektroden. Die Position eines simulierten Balls wurde in elektrische Stimulation übersetzt. Gemessene Zellaktivität wurde wiederum verwendet, um den Schläger der Simulation zu bewegen.
Dadurch entstand eine Rückkopplung zwischen Zellkultur und technischer Umgebung. Die Autoren berichten eine Verbesserung von Leistungsmaßen innerhalb von Spielsitzungen und beschreiben dies als Lernen. Die Zellen sahen dabei keinen Bildschirm: Ein- und Ausgabe wurden vom Versuchsaufbau festgelegt.
Originalquellen: Kagan et al. 2022
Wie weit der Befund trägt: Die berichtete Veränderung gehört zu dieser konkreten Aufgabe und ihrem Auswertungsverfahren. Sie belegt keine allgemeine Intelligenz und beantwortet nicht, ob die Zellkultur etwas erlebt.
Warum Bewusstsein eine weitere Frage ist
Der Titel der DishBrain-Arbeit verwendet auch den Begriff „sentience“. Die Autoren verwenden ihn in einem formalen Sinn: „auf Sinneseindrücke reagierend“, durch anpassungsfähige innere Prozesse. Balci und weitere Autoren kritisierten die Verwendung solcher Begriffe und die daraus abgeleiteten weitreichenden Aussagen. Der von uns gelesene Text ist die bei HAL hinterlegte eingereichte Manuskriptfassung ihres Fachkommentars.
Deshalb trennen wir im Text den beobachteten Aufbau, die gemessene Leistung und die Interpretation. Der Kommentar ist eine fachliche Kritik und kein neuer Gegenversuch. Auch eine vollständige Debatte mit allen Erwiderungen wird hier nicht behauptet.
Originalquellen: Kagan et al. 2022, Balci et al. 2023
Wie weit der Befund trägt: Unser Schluss ist enger als eine Behauptung über Bewusstsein: Zellverbände können unter bestimmten Bedingungen Funktionen ausführen. Welche Begriffe ihre Fähigkeiten angemessen beschreiben, muss gesondert begründet werden.